Was haben Sie im Krieg erlebt, Frau Purtscher
Gesprächsabend mit Zeitzeugung Gretl Purtscher
Die Aula Bernardi in der Mehrerau war dicht gut gefüllt, als der Verein Freunde des Collegiums Bernardi Mehrerau zu einem Gesprächsabend mit der Zeitzeugin Gretl Purtscher, Jahrgang 1931, geladen hatte. Nach einer Einführung durch Obmann Thomas Bischof führten Vera Purtscher und Sophie Binder, Schülerin der 5. Klasse, durch das Gespräch. Unter den Gästen befanden sich neben geschichtsinteressierten Vorarlbergern sowie Lehrern und Schülern des Gymnasiums auch Abt Vinzenz und Direktor Christian Kusche.
Im Mittelpunkt stand der persönliche Rückblick der Zeitzeugin auf die Jahre 1938 bis 1955. Gretl Purtscher schilderte, wie der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich in ihrer Familie wahrgenommen wurde und wie sich die politischen Veränderungen unmittelbar auf den Alltag auswirkten. Sie berichtete von der bedrückenden Atmosphäre ständiger Kontrolle während der NS-Herrschaft. So musste sie „Schmiere stehen“, während ihre Eltern das Radio unter dicken Decken möglichst schalldicht hörten. Trotz aller Vorsicht galt es wachsam zu bleiben und darauf zu achten, ob sich Fußgänger näherten. Ausländische Radiosender – sogenannte „Feindsender“ – waren strengstens verboten.
Auch die Verhaftung ihres Vaters war ein einschneidendes Ereignis für die Familie. Trotz politisch völlig gegensätzlicher Überzeugungen kam er nur dank der Intervention eines örtlichen NS-Funktionärs wieder frei. Gerade diese Episode zeigt, wie widersprüchlich individuelle Handlungen in jener Zeit sein konnten.
Ebenso sprach sie über die zunehmende Versorgungsknappheit während des Krieges und die alltäglichen Herausforderungen, die ihre Familie wie viele andere betrafen. Schon Kindergartenkinder wurden zum Sammeln kleinerer und größerer Äste im Wald und später zum Verfassen von „Briefen an den unbekannten Soldaten“ angehalten, um den Männern an der Front eine Freude zu bereiten. Dies vermittelte selbst den Jüngsten das Gefühl, eine Aufgabe zu haben.
Ihre Gefühle beim Kriegsende beschrieb sie als ambivalent: einerseits die Erleichterung über das Ende des Regimes und des Krieges mit seinen vielen Opfern, andererseits die große Unsicherheit über die Zukunft. Sie schilderte auch, wie rasch sich manche Menschen von einer Ideologie abwandten, wenn es ihnen Vorteile brachte. Die Wirkung der jahrelangen Indoktrinierung zeigte sich deutlich: Es sei aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass sie als Schülerin gemeinsam mit anderen Mädchen ernsthaft darüber nachgedacht habe, die einrückenden alliierten Panzer zu beschießen. Obwohl sie in einer Familie aufwuchs, die dem Regime kritisch gegenüberstand, beeinflusste die Indoktrinierung in der Schule die jungen Menschen massiv.
Zum Abschluss fasste Gretl Purtscher die Bedeutung persönlicher Erinnerungen für das historische Verständnis zusammen: „Freiheit ist das Wichtigste – ohne umfassende Freiheit geht jede Demokratie zugrunde.“
Das Publikum dankte der Zeitzeugin für ihre Offenheit und die Bereitschaft, ihre Erfahrungen mit der jungen Generation zu teilen.