Abt Kassian Haid: Gestalter, Generalabt und Retter der Mehrerau

Abt Kassian Haid (1879–1949) zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Zisterzienserordens im 20. Jahrhundert. Als langjähriger Abt von Wettingen-Mehrerau und Generalabt des Ordens prägte er die Entwicklung des Klosters vom Bildungszentrum zur international vernetzten Territorialabtei und sicherte dessen Fortbestand über die dunklen Jahre der nationalsozialistischen Diktatur hinweg.

Herkunft und wissenschaftlicher Grundstein

Geboren wurde er am 26. November 1879 als Josef Haid in Oetz (Tirol). Als Sohn von Johann Tobias Haid, einem Gastwirt und Landtagsabgeordneten, besuchte er Gymnasien in Hall, Brixen und schließlich das Gymnasium Mehrerau.

Noch als Schüler trat er 1897 in das Kloster Mehrerau ein und nahm den Ordensnamen Kassian an. Nach seiner Matura in Feldkirch (1900) folgte am 24. Mai 1903 die Priesterweihe. Seine akademische Laufbahn war exzellent:

  • Promotion: Dr. theol. in Innsbruck (Thema: Die Wahl der Brixener Bischöfe im Mittelalter).

  • Forschung: Stipendiat und Assistent am Österreichischen Historischen Institut in Rom (Vatikanisches Archiv) unter Ludwig von Pastor.

  • Lehramt: Erfolgreiche Prüfung in den Fächern Geschichte und Geographie.

Aufstieg in der Ordenshierarchie

Nach seiner Rückkehr aus Rom wirkte Abt Kassian Haid von 1909 bis 1919 als Direktor der Stiftsschulen Mehrerau (Collegium Bernardi). Am 16. August 1917 wählten ihn seine Mitbrüder zum Abt von Wettingen und Prior von Mehrerau.

Sein internationales Ansehen war so groß, dass ihn das Generalkapitel 1920 zum Generalabt des Zisterzienserordens wählte. In dieser Funktion arbeitete Abt Kassian Haid von Rom aus daran, die durch den Ersten Weltkrieg zerrissenen internationalen Verbindungen des Ordens zu heilen. 1927 legte er dieses Amt jedoch nieder, da er die neu eingeführte Residenzpflicht in Rom ablehnte, um sich wieder ganz seiner Heimatabtei Mehrerau widmen zu können.

Modernisierung und Ausbau der Mehrerau

Unter der Leitung von Abt Kassian Haid erlebte die Mehrerau eine Blütezeit:

  • Bildung: Ausbau der Schule zum Vollgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht und Gründung einer Landwirtschaftsschule.

  • Gesundheit: 1923 Einweihung des Sanatoriums „Salus infirmorum“ (Maria, Heil der Kranken), ein Neubau des berühmten Architekten Clemens Holzmeister.

  • Expansion: Neubesiedlung des Klosters Birnau am Bodensee (1919).

  • Kirchenrecht: Festigung des Status als Territorialabtei (Abbatia Nullius), wodurch die Mehrerau kirchenrechtlich einem Bistum gleichgestellt und direkt dem Papst unterstellt ist.

  • Wissenschaft: Er war langjähriger Schriftleiter der Cistercienser Chronik.

Widerstand und Exil während der NS-Zeit

Mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 begann das schwerste Kapitel. Abt Kassian Haid, politisch exponiert und gesundheitlich angeschlagen, verließ Österreich im Juni 1938 in Richtung Schweiz.

Obwohl er die staatliche Aufhebung des Klosters 1941 durch die Gestapo nicht verhindern konnte, agierte er aus dem Exil als strategisches Oberhaupt:

  1. Führung aus der Schweiz: Als Abt-Präses betreute er fünf Schweizer Frauenklöster und bewahrte eine handlungsfähige Ordensleitung außerhalb des Zugriffs der Nationalsozialisten.

  2. Die „Ausweichbasis“ Hauterive: Abt Kassian Haid initiierte die Wiederbesiedlung des seit 1848 säkularisierten Priorats Hauterive (Kanton Freiburg). Er entsandte gezielt junge, kriegsbedrohte Patres dorthin (darunter den späteren Generalabt Sighard Kleiner), um den personellen Nachwuchs und die Tradition der Mehrerau zu retten.

Rückkehr und Vermächtnis

Nach dem Ende des Krieges kehrte Abt Kassian Haid 1945 sofort nach Bregenz zurück. Dank seiner klugen Vorausplanung im Exil und seiner engen Kontakte zu Persönlichkeiten wie Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli), mit dem er befreundet war, gelang der Wiederaufbau des klösterlichen Lebens und der Schulen in Rekordzeit.

Abt Kassian Haid verstarb am 22. September 1949 in seinem geliebten Kloster Mehrerau. Er hinterließ eine Gemeinschaft, die dank seines diplomatischen Geschicks und seines unerschütterlichen Glaubens eine der existenziellsten Krisen ihrer Geschichte überstanden hatte. Sein Nachfolger wurde Heinrich Suso Groner.


Dieser Bericht dokumentiert das Leben eines Mannes, der die Mehrerau als geistiges, pädagogisches und kulturelles Zentrum des Bodenseeraums für die Moderne rüstete.